Ich hatte mich vor fast 20 Jahren das erste Mal als Wahlhelfer gemeldet, weil damals in der RBB Abendschau gemeldet wurde, dass noch helfende Hände gesucht würden. Als 19 jähriger Halbstarke fand ich das damals super spannend – und das ist es auch!
Ich halte die Demokratie für die einzig richtige Regierungsform und die demokratische Gesellschaft als das beste, wie man mit unterschiedlichen Menschen zusammen kommen kann. Beides ist bei weitem nicht perfekt – aber was ist das schon?
Wir Menschen sollten beide Dinge, Demokratie und freie Wahlen, hochhalten und etwas zurückgeben bzw. daran aktiv teilhaben. Deswegen melde ich bei jeder Wahl als Helfer. Nicht nur als Demokratie-Liebender, sondern auch als Korrektiv. Nicht so sehr gegen anti-demokratische Strömungen, sondern mehr als Korrektiv zu „alt-eingesessenen“ und „so haben wir das schon immer gemacht“.
Insbesondere bei der Auszählung, die ja immer abends stattfindet, muss sorgsam gearbeitet werden. Nach fast 20 Jahren Wahlhelferkarriere habe ich ein paar Erfahrungen und muss leider sagen, dass häufig die älteren Herrschaften es nicht so genau nehmen. Gar nicht mal so sehr aus böser Absicht, sondern vermutlich(?) weil ein Wahltag eben lang geht, und am Abend, wenn ausgezählt wird, die Kräfte und Konzentration schwinden.
Doch: nur weil ein Stimmzettel auf dem Stapel für Partei A liegt, heißt das nicht, dass der da korrekt vorsortiert wurde. Ich schärfe den Helfenden immer ein, mit mindestens einem Auge beim Zählen noch mal auf’s Kreuz zu schielen, ob es eben wirklich bei Partei A ist und nicht doch vielleicht bei Partei B! Ebenso mit einem min. Vier-Augen-Prinzip zählen! Beides passiert nicht immer – und es gibt meist eine ältere Person, die plötzlich schon mal alleine anfängt die Erststimmen zu zählen, obwohl man noch nicht mit den Zweitstimmen fertig ist. „Damit man schneller fertig ist“ …
Unvergessen ist da meine erste Erfahrung als Wahlhelfer: halb zehn Abends stimmten die Zahlen (Anzahl Stimmzettel, gezählte Stimmen und Kontrollzettel für Wahlbeteiligung) nicht überein. Ich war Wahlvorsteher und deswegen waren in dieser Situation alle Augen auf mich gerichtet. Es war, wie bereits geschrieben, meine erste Wahl… als 19-Jähriger. Natürlich wollte ich da alles richtig machen; noch mehr als sonst. Ich ließ nochmal alles zählen. Die älteren Damen und Herren, fast viermal so alt wie ich, waren gar nicht begeistert. Ich musste mir was anhören – auch dass es immer wieder vorkommt, dass die Zahlen nicht stimmen. Aber das sollte bei einer Wahl nicht der Anspruch sein. Wir sollten das bestmögliche tun, um so wenig Angriffsfläche für Antidemokraten zu bieten. Auch wenn es prinzipiell vom Wahlamt später erneut gezählt werden könnte.
Weitere, kürzere Anekdoten
- Bei der Wiederholungswahl zum Berliner Abgeordnetenhaus 2024 erzählte die stellvertretende Schriftführerin, im „normalen Leben“ Erzieherin, dass es ihre erste Wahl als Helferin sei, und ihre ganze Familie, Vater und Bruder auch in anderen Wahllokalen das erste Mal helfen. Der Vater hatte alle ermutigt sich zu melden. Ihr Vater war zweite Generation türkischer Herkunft, sie demnach dritte. Sie als Kopftuchträgerin auch sichtbar muslimisch gläubig. Alle setzten sich mit ihrem Engagement für die Demokratie ein und sind damit beste Beispiel, dass eine multikulturelle Gesellschaft möglich ist und funktionieren kann.
- Bei einer Wahl kam ein Vater mit seinem vielleicht zehnjährigen Sohn zur Auszählung und erklärte ihm, was wir da machten und wieso wir es machten. Demokratie erklären, am lebendigen Beispiel.
- bei einer anderen Wahl kam ein offen bekennender AfD-Sympathisant zur Auszählung. Mutmaßlich um Wahlschiebung zu dokumentieren. Da wir aber auch jede Stimme für die Rechten korrekt zählten – so schmerzhaft das auch immer ist – musste er unverrichteter Dinge wieder abziehen. Demokratie stärken, indem wir die Prozesse und Regeln beachten und folgen.
Abschließende Worte
Wenn ihr Spaß an Menschen habt, euch die Demokratie wichtig ist, dann meldet euch als Wahlhelfer. Es ist super wichtig und super spannend. Setzt euch für unsere Demokratie ein!
Wenn ihr euch nicht als Wahlhelfer seht, dann erinnert euch daran, dass ihr auch als Besucher nach Wahlschluss der Auszählung beiwohnen könnt – bringt gerne eure Kinder mit und erklärt, was da getan wird und wieso es gemacht wird.
Und besonders wichtig: denkt immer daran, dass dies alles keine Selbstverständlichkeit ist!